Neuerungen bei der Unternehmensbewertung

Aus der im Jahr 2007 verabschiedeten Unternehmenssteuerreform 2008 ergeben sich Konsequenzen für die Bewertung von Unternehmen.

Demzufolge war auch der Standard des Instituts der Wirtschaftsprüfer „Grundsätze zur Durchführung von Unternehmensbewertungen“ (IDW S 1) an die Neuregelungen der Unternehmenssteuerreform 2008 anzupassen. Der zuständige Fachausschuss hat hierzu am 2. April 2008 eine neue Fassung des IDW S 1 („IDW S 1 (2008)“) verabschiedet.

Die zentralen Änderungen in der Neufassung betreffen die Präzisierung der ertragsteuerlichen Einflussfaktoren im Rahmen der Erstellung eines neutralen Bewertungsgutachtens. Der IDW S 1 (2008) führt hier die Trennung in eine unmittelbare und eine mittelbare Erfassung von persönlichen Steuern ein.

Danach erfolgt nur noch bei gesellschaftsrechtlichen und vertraglichen Bewertungsanlässen (z.B. Squeeze Outs, Verschmelzungen) eine Berücksichtigung der (typisierten) persönlichen Ertragsteuern sowohl bei
den finanziellen Überschüssen als auch beim Kapitalisierungszinssatz. In allen anderen Fällen hingegen (z.B. für Kaufpreisverhandlungen, Kreditwürdigkeitsprüfungen) wird bei der Wertermittlung auf eine explizite Berücksichtigung persönlicher Ertragsteuern verzichtet (mittelbare Typisierung). Diesem Vorgehen liegt die Annahme zugrunde, dass die Nettozuflüsse aus dem Bewertungsobjekt und aus der betrachteten Alternativinvestition einer vergleichbaren persönlichen Besteuerung unterliegen.

Der IDW S 1 (2008) stellt aber klar, dass die Bewertung eines Einzelunternehmens oder einer Personengesellschaft nach dem geltenden deutschen Steuersystem stets die Berücksichtigung persönlicher Ertragsteuern erfordert. Der Grund hierfür liegt darin, dass die persönliche Einkommensteuer teilweise bzw. ganz an die Stelle der in der Alternativrendite bereits berücksichtigten Unternehmenssteuer tritt. Würde bei der Ermittlung eines objektivierten Unternehmenswertes eines Einzelunternehmens oder einer Personengesellschaft auf die Berücksichtigung persönlicher Ertragsteuern verzichtet werden, so ergebe sich eine unterschiedliche Besteuerung der finanziellen Überschüsse einerseits und des Kapitalisierungszinssatzes andererseits und mithin ein nicht sachgerechter objektivierter Unternehmenswert.

Hieraus wird deutlich, dass die Entscheidung über die Anwendung der mittelbaren Typisierung vor dem Hintergrund des Bewertungszwecks für jeden Bewertungsanlass individuell getroffen werden muss, um zu einem sachgerechten Ergebnis zu gelangen.

Darüber hinaus hat der IDW S 1 (2008) aktuelle Tendenzen der Unternehmensbewertung aufgenommen. So empfiehlt die Neufassung des Standards die Ableitung des Basiszinssatzes ausgehend von aktuellen Zinsstrukturkurven und zeitlich darüber hinausgehenden Prognosen bereits ab dem Bewertungsstichtag. Weiterhin wurde die Definition der unechten Synergieeffekte modifiziert.

Der IDW S 1 (2008) lässt aber auch unverändert Lücken bei der Antwort auf praktische Fragen zur Durchführung einer Unternehmensbewertung. Diese betreffen insbesondere die Auswirkungen der zukünftigen Veräußerungsgewinnbesteuerung im Hinblick auf die Haltedauern von Aktienportfolios sowie deren Einflüsse und die aus der Unternehmenssteuerreform 2008 auf die Höhe der Marktrisikoprämie.

Ebenso enthält die Neufassung des Standards keine nennenswerten neuen Ausführungen bezüglich der Bewertung kleiner und mittelgroßer Unternehmen (z.B. zur Ableitung eines sachgerechten Kapitalisierungssatzes, zur Berücksichtigung von Fungibilitätseffekten). Der IDW S 1 (2008) bleibt diesbezüglich ein genereller Leitfaden, der ein allgemeines Verständnis für das Vorgehen bei der Unternehmensbewertung liefert.

Die konkrete Ausgestaltung und das Finden sachgerechter Lösungen im jeweiligen Einzelfall bleiben dem Bewertungsgutachter mit seiner Erfahrung und gutachtlichen Einschätzung überlassen.